VILLA - LICHTWARK

Ein Kulturdenkmal in Hamburg-Duvenstedt

 

Villa-Lichtwark 1884 / 2012

Paul Lichtwark 1872 - 1948

Die nördliche Rückseite des Hauses mit Windfang und Ausgang zum Garten. 40ger Jahre

Eindrucksvoll dominiert es die Anhöhe an der Kreuzung von Duvenstedter Damm, Duvenstedter Triftweg, Schleusenredder und Specksaalredder, die "Villa Lichtwark". Dass sie das heute noch kann, verdankt sie ihren neuen Eigentümern, der Familie Krogmann, und dem Denkmalschutzamt Hamburg. Schon früh war das Grundstück besiedelt. Herr Gustav Kölß schreibt in einem Artikel in dieser Zeitschrift im Jahr 1988 (Nr. 6), der Begründer der Eigentümerstelle sei der Alsterschiffer Peter Christoph Krogmann aus Rade gewesen, der 1802 die Erlaubnis erhielt, an dieser Stelle eine Kate zu bauen. Als Baujahr des heute noch exstierenden Hauses geben die Akten der Finanzbehörde Hamburg 1884 an. Wer jedoch an dieser exponierten Lage das Gebäude errichten ließ, ist nicht sicher belegbar. Herr Gustav Kölß schreibt in seinem oben zitierten Artikel, ohne einen Bauherrn zu nennen, dass Friedrich August Wilhelm Uhrlaub, Gutsinspektor zu Wulksfelde, das Grundstück am 29.03.1884 kaufte. Ein Enkel Paul Lichtwarks behauptet, der Bauherr sei ein Schiffszimmerer aus der Hamburger Hufnerstraße gewesen. Weitere Eigentümer waren nach Angaben von Kölß 1892 Joachirn

Friedrich Möller, Privatier in Duvenstedt, 1894 Carl Martin Daniel Jörgensen in Hamburg und 1917 dessen Sohn Hans-Otto Andreas Jörgensen. Unklar ist auch, wer letztendlich das Haus, nachdem es im 1. Weltkrieg mehrere Jahre leer stand, am 02.09.1920 an Paul Heinrich Wilhelm Lichtwark verkaufte. Sicher ist jedoch, dass bei der Vermittlung ein Freund Lichtwarks, der Architekt Otto Ameis seine Hände im Spiel hatte. Aus der Hamburger Richardstraße kommend zog Paul Lichtwark (09.01.1872 -1948) mit seiner Frau Ella und seiner unverheirateten Tochter Eleonore (geb. 1902) in das Erdgeschoss des ehemaligen Sommerhauses. Seine anderen drei erwachsenen Kinder hatten bereits einen eigenen Haushalt. Paul Lichtwark war Maler und Lithograph. In seinem Atelier im unausgebauten Dachgeschoss des Hauses arbeitete er mit vielfältigen Techniken wie Öl, Aquarell oder Kreide. Als Motive dienten überwiegend Landschaften und Portraits. Eines seiner Werke zeigt Alfred Lichtwark (1852 -1914), den Direktor der Hamburger Kunsthalle. Die beiden Männer sind Vettern gewesen, d. h. ihre Väter waren Brüder. Da die freie Kunst kein regelmäßiges Einkommen garantierte, war Paul Lichtwark als Zeichenlehrer in der Zeit vom 01.10.1912 bis zum Eintritt in den Ruhestand am 17.03.1934 im Johanneum in Winterhude tätig. Das Grundstück, das Lichtwark 1920 erwarb, war um einiges größer als heute. Die Straßen Duvenstedter Damm und Specksaalredder waren schmal, der Garten lief als Böschung einfach zu den Wegen hinunter. Als 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz Duvenstedt von Preussen an Hamburg fiel, veranlasste die Stadt, die Verkehrswege auszubauen. Im Tausch gegen einen Grundstücksstreifen ließ die Verwaltung eine Stützmauer am Specksaalredder errichten

Weitere Flächen fielen 1963 der Verbreiterung des Duvenstedter Dammes zum Opfer: im Jahr 1961 war die Kleinbahn nach Wohldorf eingestellt worden, als Ersatz sollte eine Buslinie bis nach Duvenstedt fahren. Da die Straßenbreite für diese Fahrzeuge nicht ausreichte, wurden wiederum einige Quadratmeter dem Straßenbau abgetreten und die Stützmauer um das ganze Grundstück herum gezogen. Lange Jahre diente das kleine Stallgebäude links neben dem Haus als Abort. Im Wohnhaus wurde Wasser mittels handbetriebener Pumpe in der Küche gewonnen. 1938 zog etwas mehr Komfort ins Haus ein. Im Erdgeschoss neben der Küche wurde ein Teil eines Zimmers zu einem Baderaum mit Badewanne, Waschbecken und Toilette umgebaut. Der Kellerraum unter dem Bad soll in dieser Zeit nachträglich unter dem Gebäude ausgehoben worden sein. In der Umbauphase wurde auch der Windfang vor der hinteren Eingangstür vergrößert, der dann auch einen Raum für die Lagerung von Kohlen umfasste

Heute steht an dieser Stelle der neue Wintergarten. Nach dem 2. Weltkrieg, im März 1945, zog die aus Schlesien vertriebene Lichtwark-Tochter Elisabeth Mathilde mit ihrem Mann Friedrich Thomas und ihrem Sohn ins elterliche Haus. Die Familie baute sich im ehemaligen Atelier im Dachgeschoss drei Zimmer aus. Im Erdgeschoss lebten die Eltern sowie die Schwester Eleonore. Paul Lichtwark starb 1948, seine Frau folgte ihm 1957. Sie hinterließen das Haus ihren vier Kindern, die unverheiratete Tochter Eleonore erhielt lebenslanges Wohnrecht. Nachdem Elisabeth Mathilde Thomas im Jahr 1966 und ihr Mann Friedrich 1971 verstarben - der Sohn Friedrich war schon 1958 ausgezogen - lebte Eleonore allein im Specksaalredder Nr. 2. Eleonore Lichtwark war gelernte Kontoristin. Bis 1944 war sie bei der Export-Firma Struckmann und Waege angestellt, später arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung als Sekretärin an einer Schule in Volksdorf. Ihr Einkommen reichte nicht aus, Haus und Grundstück in einwandfreiem Zustand zu erhalten. Auch mit ihrer Gesundheit stand es nicht zum besten. Am Haus wurde nicht einmal das Nötigste gemacht, sodass der baufällige Balkon über der Eingangstür aus Sicherheitsgründen in den 90er Jahren abgerissen wurde. Nach einiger Zeit in einem Pflegeheim verstarb die Großnichte von Alfred Lichtwark 1998 mit 96 Jahren. Ihr Haus fiel an die Erbengemeinschaft der Kinder ihrer Geschwister und stand erst einmal leer. Löcher klafften im Dach und Gerüchte vom Abriss des Gebäudes und einer Neubebauung mit zwei Mehrfamilienhäusern kursierten. Doch das Haus stand bereits seit dem 28.05.1996 unter Denkmalschutz. Im Gutachten des Denkmalschutzamtes von 1995 heißt es: "Wegen seiner stadtbildprägenden Eigenschaft und wegen seines dokumentarischen Wertes für von der Großstadt geprägte Bauweise auf dem Lande zur Zeit der Jahrhundertwende ist die Gesamtanlage aus geschichtlichen Gründen und zur Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes als Kulturdenkmal einzustufen. Ihre Erhaltung liegt im öffentlichen Interesse." Damit war an eine Beseitigung des Gebäudes überhaupt nicht mehr zu denken. Da die Erben die Immobilie nicht selber nutzen konnten und wollten, wurde das Grundstück im Jahr 1999 an die Duvenstedter Familie Krogmann verkauft. Bis zum ersten Spatenstich im Dezember 2001 vergingen ein und ein halbes Jahr, in dem der Architekt, das Denkmalschutzamt und die neuen Eigentümer die Renovierung planten. Die Erbengemeinschaft hatte zwar schon vor dem Besitzerwechsel das Haus gesichert und Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, aber es gelang doch immer wieder Unbefugten, gewaltsam in das Gebäude einzudringen. Damit historisch bedeutsame Inneneinrichtung nicht zerstört oder gestohlen wurden, hatten die neuen Eigentümer schon vor der eigentlichen Instandsetzung historisch wertvolles Inventar wie Innentüren samt Türdrücker, Lampen und Türschilder sichergestellt. Auch der alte Küchenherd, ein Ofen mit Herdplatten, wurde zum Restaurieren vollständig auseinander gebaut. Schnell wurde bei der Planung klar, dass eine oberflächliche Renovierung - wie ursprünglich erhofft - nicht zielführend sein würde. Die Bausubstanz war stellenweise so schlecht, dass nur eine umfassende Instandsetzung vom Fundament bis zum Dach in Frage kam. Die südliche Giebelfront gar musste vollständig abgerissen und erneuert werden (s. Foto während der Bauarbeiten).

Eine wichtige Rolle bei der gesamten. Sanierung spielte das Denkmalschutzamt Harnburg. Bevor die Sanierung überhaupt beginnen konnte, beauftragte das Denkmalschutzamt einen Restaurator mit der Bestandsaufnahme der Bausubstanz. "Mit einem Skalpell kratzten die Fachleute Farbschicht für Farbschicht vom Holz der Tür- und Fensterrahmen, um hinterher genau sagen zu können, welche Farbe zu welcher Zeit aufgetragen wurde," schildert Herr Krogmann einige der Arbeitsschritte der Begutachtung. Dieses offizielle Gutachten war Basis für die Wiederherstellung des Gebäudes, aber auch für die Gewährung von behördlichen Zuschüssen. "Ohne das Denkmalschutzamt würde das Haus heute nicht mehr stehen", räumt der Bauherr ein. "Eine derart aufwendige Sanierung wäre für mich ohne die behördlichen Zuschüsse zur denkmalgerechten Wiederherstellung nicht möglich gewesen." So konnte das Dach wieder mit Schiefer gedeckt und der hölzerne Zierrat in den Giebeln erneuert werden. Fenster und Haustür wurden -angepasst an die heutigen Vorschriften für Sicherheit und Wärmedämmung - rekonstruiert. Der Balkon über der Eingangstür wurde neu aufgebaut. Im Innern sind die Fußboden-Fliesen in Eingangshalle und Küche, Holz in den Wohnräumen dem alten Belag nachempfunden. Der restaurierte Herd steht wieder am Ursprungsplatz in der Küche, dahinter an den Wänden wieder die alten Fliesen. Das nachträglich eingebaute Bad im Erdgeschoss ist verschwunden. Und in den vorderen Räumen des Erdgeschosses erstrahlt die Wandbemalung in neuer Frische, die Originalbemalung liegt teilweise noch darunter. .Keine Zuschüsse vom Denkmalschutzamt gab es dagegen für den modernen Wintergarten an der Westseite des Gebäudes. Um den Grundriss des ehemaligen Wohnhauses nicht über Gebühr zu verändern, wurden die notwendigen sanitären Einrichtungen für die geplante gewerbliche Nutzung in den Keller des Anbaus gelegt. Der einzige, ehemals nur von oben über eine Stiege aus der Küche zu begehende alte Kellerraum ist heute mit dem neuen Keller verbunden und birgt die moderne Heizungsanlage. Dort, wo früher das kleine -später leider baufällige -Nebengebäude stand, führt heute eine gepflasterte Auffahrt auf das Grundstück. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, das ein Mieter gefunden wird, der zu würdigen weiß, in welch geschichtsträchtiges Gebäude er zieht.

Danksagung: Ich bedanke ich mich bei den Nachfahren Lichtwarks, dem Enkel Friedrich Thomas und seiner Frau Christa, der Urenkelin Frau Thora Krüger sowie bei Herrn Luis Moreno-Fernandez vom Denkmalschutzamt.

 

gez. Susanne Hardt

Quelle: Unsere Heimat die Walddörfer, 41 Jahrgang, Mai/Juni, Nr. 3/2003.

Farbfotos: Wolfgang Krogmann

Villa-Lichtwark 40ger Jahre

Aus  Alt  macht  Neu

Vor der Sanierung 1999

Sanierung 2002